Freitag, 19. August 2011

Sagenhafter Bayerischer Wald Teil V

Der Schatz auf dem Hohenbogen

Hundert Lachter unter dem Burgstall, wie man den Gipfel des Hohenbogen nennt, soll der Sage nach ein Schatz verborgen sein. Alle hundert Jahre einmal wird ein Mensch geboren, der ihn unter gewissen Bedingungen zu heben vermag.

Ein solcher war der Hirte von Schwarzenberg, welcher eines Tages seine Herde auf der sogenannten "kleinen Ebene" am Fuße des Burgstalles weidetet.
Als er abends heimtreiben wollte, vermisste er ein junges Rind. Nach einigem suchen hörte er es hoch oben im Walde laut geben. Er stieg eilig den Burgstall hinan und war schon nahe dem Gipfel, als plötzlich eine selsam gekleidete Jungfrau vor ihm stand und ihn mit einschmeichelnder Stimme anredete: "Du kommst zur guten Stunde hierher. Wisse, dass es in meiner Hand liegt, dich zum reichsten Mann im ganzen Lande zu machen. Ich kann dir offenbaren, auf welche Weise du den unter unseren Füßen bergrabenen Schatz zu heben vermagst." Der Hirt, den beim ersten Anblick der Erscheinung ein heimliches Grauen beschlich, fasste Mut und entgegnete, nachdem er sich bekreuzigt hatte, dass er bereit sei, die Tat zu vollbringen; vorerst aber müsse er wissen, wie er dabei zu Werke gehen soll. Freudig fuhr die Jungfrau fort: "Finde dich heute über acht Tage zu Beginn der Mitternachsstunde am Fuße des Burgstalls ein. Lasse dich von zwei Priestern geleiten, die Beschwörungen zu sprechen wissen. Ihr werdet den Schatz geborgen auf dem Gipfel des Berges liegen sehen. Schreitet nur mutig darauf los und lasst euch nicht irre machen! Was euch auch in den Weg treten mag, - und sähe es noch so schrecklich aus- ist bloss eitel Blendwerk des Bösen, dass euch weder an Leib noch an Seele schaden kann. Bist du an die Schatztruhe herangekommen, so greife mit beiden Händen keck in den Goldhaufen und er ist dein eigen für immer! Aber wehe, so du durch die Künste des Satans dich zur feigen Flucht bewegen ließest, wehe dann mir! Abermals müsste ich hundert Jahre umherirren und könnte nicht eingehen zur ewigen Ruhe. Siehe dieses zarte Reis!" - hier wies sie auf ein dem Boden entsprossenes Ahornbäumchen - "es muss zum starken Baume heranwaschsen, aus seinem Stamme müssen Bretter geschnitten und diese zu einer Wiege gefügt werden; der Knabe, der in dieser Wiege ruhen wird, muss Mann geworden sein, dann erst darf ich wieder auf Erlösung hoffen. Gedenke der unaussprechlichen Leiden einer armen verbannten Seele und erbarme dich meiner, wie du wills, dass Gott der Herr sich deiner erbarme."
In den letzen Worten lag der Ausdruck eines so herzergreifenden Jammers, dass der Hirt davon aufs tiefste ergriffen war und mehr und mehr den Wunsch fühlte, so große Pein zu lindern. Die verheissenden Reichtümer trieben ihn weniger zu dem Wagnis. Eben wollter er der Jungfrau seinen festen Entschluss kundgeben, als sich die Gestalt derselben in leichten Nebelflor auflöste, den der Abendwind über den Gipfel des Bugstalls hinwegrieb. Aus dem Gebüsch aber, an dem die Erscheinung gestanten, kam das vermisste Rind hervor und folgte willig seinem Herrn auf den Weideplatz hinab.

Am anderen Tag hatte der Hirt nichts eiligeres zu tun, als nach Neukirchen zum Kloster der Franziskaner zu gehen, um Pater Guardian von diesem Vorfall in Kenntnis zu setzen. Dieser hielt mit den Vätern Rat, was in der Sache zu tun sei und man kam zu dem Entschluss, der armen Seele zu helfen. Es gelte ferner, den Triumph über den Satan zu gewinnen, wozu die Diener der Kirche hilfreiche Hand bieten müssten. Nadchdem Pater Guardian von dem Hirten einen erheblichen Anteil von dem Schatze ausgedungen hatte (zugunsten seines Gotteshauses), erteilte er zwei Möchen, die als die geübtesten Exorzisten der Geminde galten, den Aufrag, sich durch Beten und Fasten zu dem heiligen Werke vorzubereiten.

Zur bestimmten Zeit trafen die Möche und der Hirt am Burgstall zusammen und eben schritten sie über den Weideplatz, als die Turmuhr zu Neukirchen die elfte Stunde angab. Mit dem letzten Schlage loderte auf dem Gipfel eine hohe Flamme empor und die Mönche erkannten dies als ein Zeichen, dass der Schatz sich erhoben hatte. Nachdem sie den Hirten gewarnt hatten, nicht von ihrer Seite zu weichen, schickten sie sich an, dem bösen Feinde tapfer zu Leibe zu gehen. Kaum hatten sie aber einige Schritte bergan gemacht, als im Walde ein selsames Leben rege wurde. Eulen und Fledermäuse flatterten den nächtlichen Wanderern entgegen, aus dem Unterholz links und rechts waf es mit Totengebeinen, grinsende Schädel kollerten unter ihren Füßen dahin. Die frommen Söhne des heiligen Franziskus ließen sich von diesem Spuk keineswegs anfechten, sondern drangen mit mit lauter Stimme Bannformeln hersagend und nach allen Seiten Weihwasser spregend, rastlos voran. Schon mochten sie die Hälfte des Weges zurückgelegt haben, als der bisher mondhelle Himmel plötzlich sich verfinsterte und ein Sturm losbrach, der den ganzen Berg aus seinen Grundfesten zu heben schien. Die Blitze fuhren hageldicht auf die Baumwipfel nieder, der Donner krachte Schlag auf Schalg, die Gießbäche stigen im Nu brausend über ihre Ufer und wälzten mannshohe Fluten gegen die drei herab. Diese meinten, bis an den Hals im Wasser zu waten; aber wie sie sich näher betrachteten, fanden sie, dass nicht ein Faden ihres Gewandes nass war. Darum achteten sie es auch nicht weiter, als ihnen noch allerlei Schreckbilder, bald tierähnlich, bald menschlicher Gestatet, in den Weg traten und erreichten den Gipfel, ohne dass ihnen ein Haar gekrümmt worden wäre. Hier sahen sie, wenige Schritte enfernt, hell von der noch immer lodernden Flamme erleuchtet, ein kesselartiges Gefäß, das bis zum Rande mit funkelnden Goldmünzen gefüllt war. Eben wollte der Hirt vortreten, um, wie die Jungrau geboten, den Schatz mit seinen Händen zu fassen, da wankte der Boden unter ihm und von unteridischer Kraft gehoben, wich ein mächtiger Felsblock polternd von seinem Platze. Aus der Öffnung, die sich gebildet hatte, kroch ein scheußlicher Lindwurm hervor. Er ringelte die endlos gestreckten Glieder seines Leibes dreimal um den Gipfel des Burgstalls herum, einen furchtbaren Schutzwall von dem gefährdeten Mammon auftürmend. Das Erscheinen dieses Ungetüms setzte die Herzhaftigkeit der Mönche auf eine zu harte Probe. Sie fühlten sich schon gepackt von den scharfen Zähnen des Drachen und purzelten mehr, als das sie liefen, den steilen Abhang hinuter. Dem Hirten, der sich von seinen geistlichen Helfern verlassen sah, blieb nichts übgrig, als ihnen zu folgen. Wohl vernahmen sie hinter sich die Stimme der Jungfrau welche in kläglichen Lauten zum ausharren ermahnte, aber die Fliehenden waren nicht mehr zum Stehen zu bringen. Nur einmal hatte der Hirte sich umzuschauen gewagt und gesehen, wie der Gipfel des Berges sich spaltete und in seinem weiten Risse die Schatztruhe verschwand. Darauf erhob sich ein tausendstimmiges Geheul, das ihm das Blut in den Adern gerinnen machte. Es war das Hohngelächter der Hölle.


Autor: silvia, Bayerwald-Agentur, Landhaus-Weigert
Quelle: Schule Schwarzenberg, Der goldene Steig



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