Freitag, 29. Juli 2011

Bayerwald-Sagen

Liebe Leser,

in den nächsten Artikeln möchte ich Sie ein wenig mit unseren Bayerwaldsagen unterhalten, die ich in alten Aufzeichnungen gefunden habe.

Einleitung:
Im Herrgottswinkel bei flackerndem Licht sitzt die Altbäuerin und erzählt den lauschenden Kindern und Kindeskindern Sagen aus Urväterzeiten. Eine Seite tiefsten Innenlebens des "Waldlers" wird uns offenbar. Innige Verbundenheit mit Natur und Übernatur wird uns kund. Rege Phantasie und reiches Gemütsleben leuchten auf. Das Hintergründige, das Stille, das mit Umwelt und Überwelt Versponnen wird Wort, wird Erzählung, wird Sage, die man für wahr hält. So fangen manche Waldler ihre Berichte an: "Das habe ich selber erlebt. Das ist gewiss wahr. Das ist keine Lüge. Das hat Grund."
Aus allen Sagen sprechen viel Frömmigkeit, viel Aberglaube, aber auch viel poesievolle, wenn auch meist schreckhafte Phantasien. Ihre Grundlage bilden die trotzigen Berge, die düsteren, oft unheimlich ruhigen, aber im Sturm wildbewegen Wälder, Seen und Flüsse, die unerklärlichen Rufe und Schreie von Vogelwelt, Raubwild und anderem Getier. Die Sagengestalten wachsen empor aus Nacht und Nebel, Mondlicht und Schatten, aus dem Brausen des Windes, aus dem Sinnieren und Rätseln über Leben und Tod, über Recht und Unrecht, über Schuld und Sühne. Hinter allem steht der Schauer aus dem Zwielicht zwischen Zeit und Ewigkeit, dem Denken aus verquicktem Heidentum und Christenglauben. Wer kann all das fassen, was ein Menschenherz im Alleinsein in Furcht und Bangigkeit, in Tag und Nachtzeit erbeben lässt?
Heute noch wachsen im Bayerwald Sagen, trotz Elektrizität und Maschinen, und sie werden wachsen, solange es Menschen mit eigener Phantasie, selbstischem Denken und Glauben gibt. Lassen wir die Heimat durch ihre Sagen in uns lebendig werden, und wir werden ihre Seele neben Vogelsang und grüner Bergesschönheit in der Stille finden, und sie wird in uns tönen wie ein Glockenruf, der uns in Furcht und Freude erschauern macht. Lassen wir die Sagen wach bleiben, und erzählen wir sie Kind und Kindeskindern an langen Winterabenden, daheim und im Wirsthaus, in der Schule und bei Ausflügen, besonders wenn der Stum um das Haus heult oder wir auf Bergen, an Seen und Flüssen, an Burgen und in Wäldern Rast machen. Unsere Sagen dürfen nicht sterben ...
Mögen diese Aufzeichnungen mitten hinein in das Herz der Bayerwaldheimat führen.

Quelle: Hugo Eichhoff

Die drei Osserriesen bauen sich Burgen:
Blickst du heute zum Osser hinauf, so siehst du nur zwei Gipfel. Vor vielen tausendn Jahren soll noch ein dritter oben gestanden haben.
Auf jedem Gipel hauste ein Riese unter freiem Himmel. Sturm und Regen, Sommerhitze und Winterkälte kamen. Das behagte den Riesen nicht. Da zerschlugen sie mit ihren Steinhämmern Felsen und jeder schleppte auf seinem Gipfel mächtige Steine herbei. Mit ihnen richteten sie gewaltige Mauern auf, bis drei Burgen fertig waren. Dort wohnen sie jetzt. Sie hassten sich, und voller Wut schleuderten sie die Steinhämmer gegeneinander, aber es schadet keinem etwas,  wenn ein Hammer ihn traf, denn die drei Riesen waren unverletzlich.
Ezählt von Riachard Dusik, Lederdorn.

Quelle: Der goldene Steig
Bild: Hugo Eichhoff
Blog-Auto: silvia, bayerwaldagentur, landhaus-weigert

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